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Winfried Scheuer
w.scheuer@abk-stuttgart.de




wie würden Sie jemand anderem ihren job erklären?
Professor für Industriedesign in Stuttgart. Ich bilde aus, aber den Begriff "Ausbildung" mag ich eigentlich nicht. Im Prinzip schafft man nur eine Spielwiese, wo man Studenten zu einem bestimmten Grad ausprobieren lässt, was sie selbst machen wollen. Nachwachsende Generationen schaffen immer neue Ideen, und ich halte es für falsch, dass man ihnen die Rezepturen seiner eigenen Generation vorsetzt. Ich selbst habe nach dem Studium in Deutschland noch eines am Royal College of Art in London draufgesetzt, das mich sehr geprägt hat. Ich möchte, dass die deutschen Studenten dieselbe Freiheit haben wie dort, weil die deutsche HfG Ulm beeinflusste Design-Ausbildung wie ein Korsett wirken kann.

wann und warum wurden Sie ans ID4 berufen?
Da war eigentlich ein Zufall. Ross Lovegroves Ex-Kollege, Julian Brown, aus London hatte plötzlich keine Zeit, um für ein Kurzzeitprojekt nach Berlin zu kommen, und schickte mich als Ersatz. Wir kannten uns vom RCA, und ich arbeitete damals selbstständig in London. Dieses erste Projekt fiel jedoch komplett durch. Ein totaler Reinfall, wirklich, ich dachte damals, das wäre das erste und letzte Mal in Berlin. Das Thema waren Kleiderbügel, meine Aufgabe verlangte: codiert die Kleiderbügel so, dass Archäologen in hundert Jahren an der Form und den Materialien ablesen können, was für eine Gesellschaft in den 80er Jahre existierte. Während der Präsentation sagte Nick Roericht, ihr verarscht die Archäologen. Was er genau kritisiert hat? Es passte ihm offenbar so einiges nicht. Der Kommentar traf die ganze Veranstaltung, die wohl nicht im Stil des ID4 war. Die Studenten nutzten bei mir offenbar zum ersten Mal Farbe aus Sprühdosen, das sagt schon viel. Ürigens habe ich später im Rahmen der Frankfurter Messe in der Ausstellung "Experimente" einen Kleiderbügel entdeckt, der aus dem Berliner Projekt stammte und von der Messegesellschaft für diese Ausstellung ausgewählt wurde. So falsch kann das damals auch nicht gewesen sein.

was fällt ihnen zu der zeit und den umständen spontan ein?
Ich habe vor dem Fall der Mauer am ID4 begonnen. Danach wurde die Stimmung anders, auch die Studenten wurden anders, vorher waren sie extremer und individualistischer. Nach den 70er Jahren waren die 80er die memphisierte Phase, wo auch Andreas Brandolini an der HdK war. Ich glaube, zum Ende der 80er wurde es langweilig, den postmodernen Aspekt permanent zu wiederholen. Man suchte nach etwas Neuem, wusste aber noch nicht wonach. Und ich erinnere mich, dass bei Präsentationen im Hintergrund immer schon Sektflaschen standen. Ich fand das nicht irritierend, aber überraschend. Als ich Deutschland 1981 verlassen habe - ich war drei Jahre in Amerika, bevor ich nach England ging - gab es diese Haltung, diese Partystimmung in Verbindung mit einer Studien-Präsentation noch nicht.

welche Aufgaben haben sie am ID4 übernommen?
Nach dem Reinfall mit den Kleiderbügeln habe ich unkonventionellere Themen gewählt. Eines lautete: Car Cooking, die Hitze eines Automotors nutzen, um ein Essen zuzubereiten. Zur Abschlusspräsentation vor dem Museum für Transport und Verkehr kamen die Autos vorgefahren, und die Studenten haben die fertigen Essen unter der Motorhaube hervorgeholt. Das hat ein enormes Aufsehen erregt. Meine Idee war natürlich, eine Aufgabe zu stellen, die niemals zuvor gestellt worden war, um einen kreativen Prozess anzustossen. Das war auch eine konfliktreiche Aufgabenstellung, weil in den Köpfen ein falsch verstandenes Umweltbewusstsein herrschte. Ein Gegenargument hieß, dass es doch umweltschädlich sei, in der Gegend herum zu fahren, um zu kochen. Aber es ging darum, die Hitze des Motors anderweitig auszunutzen. Ein anderes erfolgreiches Projekt war die "Zeitkapsel". Was Roericht an mir geschätzt hat, auf dass die Zusammenarbeit dann bis Ende der neunziger Jahre dauerte? Gute Frage. Mein Vorteil war wohl, dass ich aus London kam, und London hatte eine andere Kultur, andere Schwerpunkte und anderes Tempo. Dadurch waren meine Aufgabenstellungen anders. Ich denke, das hat ihm gefallen.

besonderheiten der studenten-generation, mit der sie zu tun hatten?
Siehe oben

übereinstimmungen / inspirationen / reibungen an nick roerichts positionen?
Nach der anfänglichen Reibung lief es sehr gut weiter. Die Stimmung am ID4 fand ich interessant, weil man alles in Frage gestellt hat und bereit war, völlig neue Dinge zu tun. ID4 war sehr offen und hat eine Situation erzeugt, wo viele Abgänger später Professoren wurden. Die Abteilung hat sich auch von den ganzen englischen Ausbildungsstätten, die ich bis dahin kannte, sehr unterschieden. Die HfG Ulm hat mit der Idee, mit Design die Gesellschaft verändern zu können, die deutsche Design-Ausbildung bis heute geprägt. Die Engländer hatten solchen Einfluss nie, haben auch nie gebrochen mit der freien Kunst. Man hat dort auch keine Berührungsängste, etwas künstlerisches zu machen, z.B. ein Aquarell zu malen, um zu einem Entwurf zu kommen. Diese Verbindung zur Kunst fand ich sehr befreiend nach meinem ersten Studium in Stuttgart, wo immer die Frage nach der sozialen Relevanz gestellt wurde.

kontakt / zusammenarbeit mit damaligen mitmachern und ID4lern?
Stefan Schmidt war sechs Jahr lang mein Assistent in Stuttgart. Erst vor kurzem, im Februar 2006, endete sein Vertrag. Ich traf ihn 1994 zum erstenmal bei meinem Projekt "Zeitkapsel" in Berlin.

was würden sie im nachhinein, angenommen die zeitreise wäre bei gleicher ausgangslage möglich, anders machen?
Ich bin froh, dass ich dabei gewesen bin. Und ich könnte auch keinen Bereich in meinem Leben finden, wo ich sagen würde, da hätte ich etwas anders machen müssen. Ich glaube nicht, dass sich die Frage für mich stellt.

was haben sie in ihren arbeitsbereich übernommen oder dort weiterentwickelt?
Gut gefallen hat mir damals, dass die Studenten immer vor laufender Video-Kamera präsentieren mussten. Sie wurden selbstbewusst. Man braucht mehr Courage, eine Präsentation vor laufender Kamera zu halten. Aber in meine eigene Praxis habe ich das nicht übernommen.

sehen sie die disziplin design mittlerweile übergehen, mutieren, sich entwickeln in andere formen und ausrichtungen?
Gefährliche Frage. Sie erinnert mich an frühere Interviews mit berühmten Designern, unter anderem mit Max Bill und Charles Eames, und die letzte Frage lautete ähnlich: was ist die Zukunft des Designs? Eames hat die Frage nicht beantwortet, und das war eigentlich die schlaueste Antwort. Denn was die anderen geantwortet haben, war nur die Fortsetzung der jeweiligen Trends und das kann die Zukunft nicht sein. Ansonsten beobachte ich die Tendenz, nach Industrie-Design noch ein zweites Studium anzuhängen und Interface-Designer zu werden. Das ist ein Bereich, der einen großen Zuwachs hat und wo man relativ gut Geld verdienen kann.

welche hoffnungen oder befürchtungen knüpfen sie daran?
Weder Befürchtungen noch Hoffnungen.

was kann man tun, um designer nicht nur für heute, sondern für die nächsten Jahrzehnte ihres berufslebens auszubilden?
Heute gibt es das Problem des zuviels: zuviel Kommunikation, zuviel Fernsehprogramme, zuviel e-mails, zuviel Auswahl. Designer können Ordnung schaffen oder Situationen reduzieren. Ein Beispiel: Allein für das Schliess-System eines Lexus-Automobils hat die Gebrauchsanweisung siebzig Seiten. Es geht darum, unsere komplexe technische Welt zu vereinfachen, damit die Menschen noch durchblicken.

worauf könnten sie leicht verzichten?
Auf e-mails





interview: 2.2a.0 Simone Kaempf, 2006-03-01